Deggendorf. Konzentrierte Zuhörer, nachdenkliche Mienen: Der Historiker Lutz Dieter Behrendt fesselte sein Publikum im Senioren-Aktiv-Club mit seinem zweistündige Vortrag über das Kriegsende vor 80 Jahren in Deggendorf. Er hatte viele spannende Details aus dem Archiv und aus allen möglichen alten Quellen ausgegraben. So etwa die Flugblätter, die aus amerikanischen Bombern über der Stadt abgeworfen wurden. Ultimativ forderte das US-Militär zur bedingungslosen Kapitulation auf, sonst würde Deggendorf dem Erdboden gleich gemacht. Eine weiße Fahne sollte die Kapitulation verkünden. Aber der Bürgermeister wagte nicht, die Stadt zu übergeben, denn der NS-Kommandant drohte „Verrätern“ mit der Todesstrafe. Jeder wusste, dass die US-Army schon in Metten und Regen stand. Auf Befehl des Stadtkommandanten errichtete der „Volkssturm“, bestehend aus Kindern und Alten, Panzersperren auf allen Zufahrtsstraßen. Dass sich doch noch Männer fanden, die eine weiße Fahne hissen wollten, war todesmutig. Weil das Rathaus versperrt blieb, wurde ein weiße Laken auf der Grabkirche aufgezogen. Das reichte den Amerikaner, um von der angedrohten totalen Vernichtung der Stadt abzusehen.
| In der Stadt herrschte Chaos. Aus den Schulen und anderen geeigneten Gebäuden waren längst überfüllte Kriegslazarette geworden. Dazu herrschte Wohnungsnot, zumal 1500 Evakuierte aus Hamburg und dem Ruhrgebiet im Deggendorf Zuflucht gesucht hatten. Zu diesen Flüchtlingen gehörte übrigens Wolf Biermann. Zwangseinweisungen waren die Folge, denn nun drängten auch die Flüchtlinge aus Ostpreußen und Dresden in die Stadt. Auf dem Stadtplatz standen dicht an dicht Pferdegespanne der Flüchtlinge. Schulunterricht gab´s irgendwo am Dachboden oder im Gasthaus, denn aus den Schulen waren Notquartiere geworden. Die Waldbahn war beschossen worden, Verwundete mussten versorgt werden. Aber „Der Staudamm der Ostfront steht“, meldete der Donaukurier noch am 17. April 1945. Es war die letzte Ausgabe. Am 20. April brannte das Deggendorfer Öllager mit 10 000 t Mineralöl, es brannten 8000 t Getreide, Zigaretten, Schokolade, Speiseöl. Die schwarze Rauchwolke war weithin als Mahnmal sichtbar. Die Eisenbahnbrücke wurde gesprengt, die Maxbrücke wurde gesprengt – Fischerdorf war von Deggendorf aus unerreichbar. Über Metten und Rohrmünz rückten die US-Truppen vor, es gab noch Scharmützel, aber bald war die Stadt (27. April) eingenommen. Tragisch, dass ein paar verblendete Buben in Rohrmünz einen GI aus dem Hinterhalt erschossen. Keiner von ihnen überlebte diesen schrecklichen Vorfall. Entsprechend nervös waren die Amerikaner, aber auch die (rasch wechselnden) Stadtväter, die jede Provokation verhindern wollten. In jenen Tagen wurden sechs Lausbuben zwischen 10 und 12 Jahren zu empfindlicher Strafe verurteilt: Sie hatten sich wohl am Fuhrpark der Amerikaner zu schaffen gemacht. Für den Lausbubenstreich kassierten sie einen Monat lang eine tägliche Moralstunde über „sittliches Verhalten“. Dazu kamen zwei Wochen Arbeitseinsatz zu je sechs Stunden.
Strengste Polizeistunde: Wer nach 20 Uhr noch auf der Straße angetroffen wurde, riskierte eine Woche Gefängnis. Das Wasser war rationiert, Strom gab´s nur wenige Stunden am Tag. Die Stadt quoll über, inzwischen waren aus Buchenwald und Dachau hunderte ausgemergelter KZ-Häftlinge nach Deggendorf gebracht worden. Für die meisten war es ein Zwischenstopp auf dem Weg nach Israel oder Amerika. Order aus dem Rathaus: Jede Familie hatte Bücher und Spiele abzuliefern, jede Familie musste Bettzeug und Federbetten abgeben – für die vielen Flüchtlinge und ihre Kinder. Es waren verzweifelte Notmaßnahmen, um der Lage Herr zu werden. Nachdem die Amerikaner recht schnell auf den Ruinen der Maxbrücke eine Behelfsbrücke gebaut hatten, normalisierte sich das Leben etwas. Allerdings brauchte man für die Donauüberquerung einen Passierschein.
Nach dem zweistündigen Vortrag gab´s großen Applaus. Fragen aber gab´s keine mehr. Zu nachdenklich waren alle nach diesem Ausflug in eine verheerende Zeit.
Biu: Prof. Lutz-Dieter Behrendt bei seinem Vortrag im Klosterhof. (Foto: Wohlhüter) |
|
|